Der Verbrecher aus verlorener Ehre ~ Friedrich Schiller {Rezension}

19. November 2018

Gedankenverloren
Format: Reclam
Wertung: 3 Blumen
Autorin: Friedrich Schiller
Verlag: Reclam

„Bin ich denn irgendwo auf der Stirne gezeichnet, oder habe ich aufgehört, einem Menschen ähnlich zu sehen, weil ich fühle, dass ich keinen mehr lieben kann?“
(Seite 13)


Der Verbrecher aus verlorener Ehre

"In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist als die Annalen seiner Verirrungen" – mit diesen Worten beginnt Schiller seine "wahre Geschichte" des Räubers, Bandenführers und Mörders Friedrich Schwan.

Meine Meinung

Gleich zu Beginn des Lesens merkt man, dass das Buch schon vor einiger Zeit geschrieben worden ist. Vor allem merkt man, dass manche Begriffe oder auch Redewendungen aus den letzten Jahrhunderten sind. Anfänglich war es etwas schwer zu lesen, aber nach einer gewissen Zeit gewöhnt man sich an den Schreibstil des Autors.

Diese gelben „Reclamhefte“ haben ja immer einen gewissen Ruf. Sie sind klassische Literatur, schwer zu lesen und meist von längst verstorbenen Schriftstellern oder Philosophen geschrieben. Doch dieses Buch überraschte mich, denn so schwer war es nicht zu lesen und zu verstehen. Nur selten musste ich ein Wort im Internet suchen.

Die theoretische Einleitung zu Beginn gefiel mir am besten, obwohl ich manche Stellen zweimal lesen musste. Schiller philosophiert über die menschliche Seele auf eine ganz eigene Art und Weise. Dies regt ein wenig zum Nachdenken an, was bei der eigentlichen Geschichte nicht der Fall war.

Denn leider schrieb Schiller die Geschichte objektiv und vollkommen ohne Gefühle in der Geschichte. Wenn das Wort Liebe zehnmal vorkommt ist das schon viel. Doch dabei hätte der Protagonist genug Gefühle gehabt, die beschrieben hätten werden können. Entsprechend dem Zitat auf Seite 6 „Entweder der Leser muss warm werden wie der Held, oder der Held wie der Leser erkalten.“, berührte mich die Geschichte zum Zeitpunkt des Lesens überhaupt nicht. Der Autor hat es also geschafft, so zu schreiben, wie er es in der Einleitung vorhatte. Doch ich bevorzuge Geschichten, die etwas in dem Leser auslösen. 

Auf Seite 13 hatte ich kurz das Gefühl, dass der Autor doch Gefühle zulässt mit dem Zitat: „Bin ich denn irgendwo auf der Stirne gezeichnet, oder habe ich aufgehört, einem Menschen ähnlich zu sehen, weil ich fühle, dass ich keinen mehr lieben kann?“ Doch aufgrund seines weiteren Handelns wurde ich eines Besseren belehrt. Es ist beklemmend zu lesen wie jemand sich selbst so aufgeben kann.

Fazit

Alles in allem hat mir das Buch recht gut gefallen, weil Ehre auch in der heutigen Gesellschaft noch eine aktuelle Relevanz hat. Das Buch ist ein gutes Beispiel, wie sich jemand aufgrund seines Umfeldes verändern kann.







Titelinterpretation

ACHTUNG SPOILER!

Warum heißt das Buch „ Der Verbrecher aus verlorener Ehre“?


Zuerst hieß das Buch „Der Verbrecher aus Infamie“. Infamie bedeutet so viel wie Schande beziehungsweise ehrloses Handeln. Später wurde die Fassung leicht abgeändert und unter dem Titel „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ veröffentlicht. Für mich bedeutet der Titel, dass eine Person zuerst ehrenvoll war, dann aber zum Verbrecher wird und somit die eigene Ehre verliert. 

Der Hauptcharakter ist anfänglich eine arme Person, aber er verdient sein Geld durch ehrliche Arbeit in der Gastwirtschaft. Durch die Gesellschaft und sein Umfeld steigt er gesellschaftlich und moralisch immer weiter ab. Wegen seines Äußeren wird er verspottet, weshalb er „lernt“ auf Äußerlichkeiten zu achten. Er versucht Johanne mit Geschenken zu beeindrucken, statt mit Gesten. Allerdings benötigt er mehr Geld dafür und wird zum Wilderer, zum Gesetzesbrecher. Durch die Geldstrafe wird er noch ärmer. Um zu überleben wird er erneut gezwungen zu wildern. Er tut es also nicht, weil er es will, sondern weil er es muss, weil er durch die Gesellschaft dazu gezwungen wird. Nach dem Aufenthalt im Zuchthaus will er wirklich ehrlich arbeiten, aber niemand stellt ihn ein, deshalb muss er erneut das Gesetz brechen, um zu überleben, und wird wieder bestraft. 

Früher handelte er so, weil er überleben musste und es notwendig hatte. Als er nach drei Jahren Festungsarbeit zurückkommt, handelt er mit dem Vorsatz Unrecht zu tun. Er will ein Verbrecher sein, er braucht keine Ehre, er handelt nicht ehrenhaft. Er wildert erneut und wird sogar aus Rache zum Mörder. 

Daraufhin schließt er sich einer Bande an und wird zu deren Anführer. Er findet brüderliche Aufnahme, Wohlleben und geglaubte Ehre. Doch bald erkennt er, dass dem nicht so ist und er nicht wirkliche Ehre erlangt hat. Sein aufgestauter Hass richtet sich nicht mehr gegen andere, sondern gegen ihn. Er empfindet Reue und ersucht bei dem Fürsten um Gnade, doch er erhält nie eine Antwort. Wieder ein Zeichen der Gesellschaft und der Regierung, wie ihnen die einzelnen Menschen egal sind und sie nur schwarz oder weiß sieht. 

Ehre bedeutet für mich Anerkennung. Doch braucht man sie wirklich? Der Mensch ist ein soziales Wesen und benötigt eine Gruppe. Auch unsere Hauptperson sucht Gefährten, doch er gesellt sich zu den falschen Personen, der derzeitigen Gesellschaft, und gerät in einen Teufelskreis, aus dem er es nicht schafft, auszubrechen. Früher war Verachtung für ihn unerträglich, doch im Laufe des Buches gibt er sich mit folgenden Worten auf und wenn man sich aufgegeben hat, ist es schwer, wieder Ehre zu erlangen. 

„Ich brauche keine gute Eigenschaft, weil man keine mehr bei mir vermutet. Die ganze Welt stand mir offen, ich hätte vielleicht in einer fremden Provinz als ehrlicher Mann gegolten, aber ich hatte den Mut verloren, es auch nur zu scheinen. Verzweiflung und Schande hatten mir endlich diese Sinnesart aufgezwungen. Es war die letzte Ausflucht, die mir übrig war, die Ehre entbehren zu lernen, weil ich an keine mehr Anspruch machen durfte.“ (Seite 14)

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